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Anselm Kiefer ist ein gelehrter Künstler und hat sich in seiner Arbeit zu wiederholten Malen von der Kabbala inspirieren lassen. Das ist der Anlass, etwas mehr über dieses mystische, religiöse und philosophische Gedankengut zu erfahren. Anselm Kiefer und die Kabbala Anselm Kiefer hat zahlreiche Werke geschaffen, deren Titel, Symbole, und auch Schriftzeichen auf den Bildern direkt der Kabbala entnommen sind. So gehören Sefiroth (1985), Bruch der Gefäße (1985), Die Ordnung der Engel (2000), die Türme der Halle Bicocca oder die Werke, die 2000 in Paris in der Kapelle der Salpêtrière unter dem Namen Schebirath Ha Kelim ausgestellt wurden (dazu gehören Zimzum, Tikkun, Emanation usw.) in diesen Gedankenkreis. Das, was Kiefer darin plastisch umsetzt, bildet eine komplexe und faszinierende Welt. Aber um welche Kabbala handelt es sich? Kann man von „der Kabbala“ sprechen, ohne ihre vielen, mehr oder weniger obskuren Verzweigungen zu berücksichtigen, sowie die zahlreichen Schriften, die sowohl Legende als auch Wirklichkeit ausmachen? Die kabbalistische Tradition Die Kabbala als weitgefasster Begriff bezeichnet die Gesamtheit der esoterischen (d.h. geheimen) Strömungen, die zum Judentum gehören (im Sinne der ganzen jüdischen Religion und Kultur). In gewissen praktischen Aspekten ist sie auch mit der Weißmagie und der Alchemie verbunden. Die Kabbala beschäftigt sich eng und grundlegend mit den sakralen Schriften und umfasst zunächst eine Menge mündlicher Überlieferungen, deren Spuren in der Geschichte schwer zu verfolgen sind. Erst im 12. Jahrhundert erscheinen in Frankreich, in der Provence, kabbalistische Texte, sowie Anhänger der Kabbala, die sich auf eine sehr viel ältere Tradition berufen. Das Wort Kabbala selbst (qabalah) bedeutet „Überlieferung“. Und die Wurzel des Wortes (qabel) bedeutet „erhalten“. Die Kabbala ist eine Gesamtheit an metaphysischen Spekulationen über Gott, den Menschen und die Welt. Sie geht davon aus, dass die heiligen Schriften (in diesem Fall die ersten fünf Bücher der Bibel, die im Judentum Pentateuch genannt werden, oder Tora) einen äußeren und einen übergeordneten, verborgenen Sinn haben. So entstehen geheime Texte, deren Bedeutung nur Eingeweihten verständlich ist. Diese esoterischen Interpretationen beinhalten verschiedene spekulative Systeme, die mehr oder weniger Stringenz haben.
Die ersten Texte
Das Bahir (Sefer ha Bahir – „Das Buch der Helle“) erscheint im 12. Jahrhundert in Frankreich (es verbreitet sich auch in Spanien, und im 13./14. Jahrhundert über das mittelalterliche Europa hinaus nach Nordafrika und in den Orient). Es ist jedoch schwierig, das Aufkommen dieser geistigen Strömung zeitlich genau festzulegen und den Autor einer Schrift der Kabbala zu bestimmen, die als die erste gelten könnte. Das erste einflussreiche Buch der Kabbala ist jedoch im 13. Jahrhundert der Sohar (Sefer ha Sohar, „Das Buch des Glanzes“), als dessen Autor der spanische Kabbalist Mosche de Leon (gest. 1305) gilt. Der Sohar wurde zu der Zeit als eine alte Schrift dargestellt, die man wiedergefunden hätte. Er wurde über mehrere Jahrhunderte sogar als ein kanonisches Buch betrachtet, das der Bibel und dem Talmud gleichgestellt war und hatte einen großen Einfluss auf die jüdische Kultur. Aber diese bedeutenden Schriften waren nicht die einzigen: bis zum 17. Jahrhundert blühte die kabbalistische Literatur. Man zählt heute etwa sechstausend Schriften, die zur Kabbala gehören.
Die Kabbala des Isaak Luria Die lurianische Kabbala ist stark von messianischen Botschaften geprägt, hatte einen raschen Erfolg und wurde zu einer unerschöpflichen Inspirationsquelle. Isaak Luria (1534-1572) war ein berühmter Kabbalist, dessen hauptsächlich mündliche Lehre erst nach seinem Tod niedergeschrieben wurde. Seine Visionen hatten einen beträchtlichen Einfluss auf die jüdische Kultur. Er führte wesentliche Begriffe in die Kabbala ein, Zimzum (der Widerspruch), Schebirath (das „Zerbrechen der Gefäße“) und Tikkun (der Prozess der Besserung und Vervollkommnung). Anselm Kiefer hat sie auch als Titel für seine Bilder benützt hat. So wurde zum Beispiel Zimzum (ein Begriff, der anfangs den Widerspruch Gottes innerhalb des Allerheiligsten des Tempels in Jerusalem bezeichnete) von Luria so verstanden, dass dieser ursprüngliche Widerspruch Gottes ihm wortwörtlich erlaubte, sich zurückzuziehen und der Welt Platz zu schaffen. In diesem Sinne beginnt die Schöpfung mit einem Exil Gottes, dem Exil, das die jüdische Geschichte sehr geprägt hat. Insofern trägt der Mensch aber mit einem tugendhaften Leben zum Ende des Exil Gottes bei. Gott, als perfekte Einheit, liegt in der Zukunft. Der Baum der Sephiroth In der Kabbala (in ihren verschiedenen Auffassungen) ist es möglich, die Illusion zu bekämpfen, der zufolge wir von Gott getrennt seien. Eine der kabbalistischen Lehren besagt, dass es zwischen Gott und dem Menschen eine gewisse Anzahl von Schleiern gibt (zehn insgesamt), die wie Filter wirken. Diese Schleier sind gleichzeitig Attribute Gottes. Insofern führt die Erkenntnis der Schleier zum Erkennen dessen, was uns von Gott trennt, und schließlich zu Gott selbst. Die kabbalistische Tradition nennt diese Schleier und Emanationen (oder Ziffern, in der Übersetzung des Wortes Sephira im Singular) Sephiroth. Ihr Bezugssystem innerhalb des Ganzen wird vom Symbol des Baumes der Sephiroth dargestellt. Dieser Baum soll die Struktur des Menschen und der Welt in einer Figur zusammenhalten, die Makrokosmos und Mikrokosmos miteinander verbindet. Er besteht aus zehn Kreisen, den Sephiroth, die ebenso zehn Erprobungen, Bewusstseinsebenen und agierende Kräfte in der uns umgebenden Realität darstellen. So ist zum Beispiel Chesed, die vierte Sephira, die Gnade (Liebe, Gunst): sie bedingt die Formen der dritten Sephira, Binah (Einsicht, Verstand). Die Symbole der Chesed sind unter anderem der linke Arm, die Pyramide, das Szepter, usw. Durch die Kenntnis des Baumes kann man die verschiedenen „Wege“ von einer Sephira zur anderen erfassen (insgesamt 22), die den Initiationsweg bedeuten. Jede Sephira hat eine Fülle an Bedeutungen und Symbolen, die mit einer anderen Sephira zusammenhängen. Diese Beziehungen machen die geistigen Wege, die Spannungen, die neuen Bedeutungen usw. aus. Der Baum der Sephiroth ist somit eine Interpretations- und Reflexionsstruktur, die sowohl dynamisch als auch gleichbleibend unwandelbar ist. Jede Sephira entwickelt sich von ihrem Anwendungspunkt, ihrer Lage und Richtung, ihrer Intensität usw. aus. Die ersten Illustrationen stammen aus dem 12. Jahrhundert und sind variabel: es kann ein umgekehrter Baum sein (denn die Wurzeln steigen in den Himmel, der hier als Urgrund angesehen wird), oder zehn konzentrische Kreise, oder aber ein Rad. Gematrie, Notarikon, Temurah Man kann die heiligen Schriften nach verschiedenen Methoden interpretieren. Drei davon werden von der Kabbala besonders bevorzugt. Sie betrachten das Wort in seinem eigenen Wert und innerhalb der Struktur der (Original)Sprache, des Hebräischen. Eine Besonderheit dieser Sprache ist, dass jedem Buchstaben des Alphabets eine Zahl zugeordnet wird. So besteht die Methode der Gematrie darin, die Zahlen, die den Buchstaben eines Wortes entsprechen, zusammenzuzählen und Worte mit der gleichen Summe in Verbindung zu bringen. Zum Beispiel hat Shem (was „der Name“ bedeutet) den gleichen Zahlenwert (340) wie Sefer („das Buch“): das Buch enthält also alle Namen. Notarikon ist eine zweite Interpretationsmethode der sakralen Texte. Damit wird jeder Buchstabe eines Wortes als Zusammenfassung eines Satzes betrachtet – als Abbreviatur. Die Temurah ist eine dritte Methode, die auf dem Prinzip des Anagramms beruht: auf der Technik der Permutation, der Umstellung von Buchstaben, um ein neues Wort und eine neue Bedeutung zu bilden. Jede dieser Methoden trägt zur Bereicherung der Lesarten der heiligen Schriften bei und eröffnet neue Horizonte. Die Kabbala beruht also auf diesem verborgenen Sinn, den sie unendlich aufschlüsselt. In dieser Hinsicht schöpft Kiefers Kunst an den Quellen der Kabbala, er offenbart ihre mystische Kraft, und sei es nur plastisch. Damit trägt er auch dazu bei, die Interpretationen zu erweitern. Die plastische Übertragung ist nämlich keine einfache Illustration, sondern eine visuelle Reflexion zu diesem Gedankengut, dessen Tiefe sich oft schwer ergründen lässt. |